Das „deutsche Fenster“ im Internationalen Arbeitsamt

Das "deutsche Fenster" im Internationalen Arbeitsamt Bild vergrößern Das "deutsche Fenster" im Internationalen Arbeitsamt (© StV)

Betritt man das Gebäude des Internationalen Arbeitsamtes in Genf, sieht man eine große Zahl  kunstvoller  Objekte, manche davon mit bizarren Formen, die dort in der Eingangshalle, vor und in Sitzungssälen und an Wänden ausgestellt sind. Es sind Gemälde, Vasen, Statuetten oder Büsten von Persönlichkeiten, aber auch Wandteppiche und Stahlkonstruktionen; auch ein altes  hölzernes Schöpfrad, ein Geschenk Saudiarabiens, ist darunter, und den Eingang eines der Sitzungssäle bildet eine mit reichen Holzschnitzereien verzierte asiatische Holztür.  Den Lesesaal der Bibliothek schmückt ein großes vielfarbiges Gemälde eines mexikanischen Malers .

 

Die meisten dieser Objekte sind  Geschenke der Mitgliedstaaten an die Organisation; viele von ihnen stammen von Regierungen, aber auch Arbeitgeber- und Gewerkschaftsorganisationen verschiedener Staaten haben der IAO im Laufe der Jahrzehnte solche Geschenke überbracht. Über  Schönheit oder Nutzen einiger dieser Objekte kann man streiten; manche fügen sich elegant und diskret in ihre Umgebung ein; andere wirken eher als Fremdkörper. Auch sind nicht alle Geschenke  zur Dekoration  bestimmt;  sehr praktische und funktionale Gegenstände und Einrichtungen sind darunter, wie zB die Deckenbeleuchtung des Saales, in dem der Verwaltungsrat des Internationalen Arbeitsamtes tagt, ein Geschenk der kanadischen Regierung, oder die Holzvertäfelung des bereits erwähnten Lesesaals der Bibliothek, ein Geschenk der Bundesrepublik Deutschland. Kleine Plaketten, diskret unter oder neben dem Objekt angebracht, geben  Auskunft über seine Bezeichnung und Herkunft.

 

Eines der ältesten Geschenke  ist das sog. deutsche Fenster (oder „vitrailles allemandes“, wie die Mitarbeiter der Verwaltung des Gebäudes das Werk nennen). Es handelt sich um ein Werk des deutschen Künstlers Max Pechstein (1881-1955), das dieser in Form von fünf Glaspanelen im Jahre 1926 schuf,  die von der damaligen Reichsregierung im selben Jahr der Internationalen Arbeitsorganisation für ihren  Neubau  geschenkt wurden.

 

Das Werk symbolisiert die Welt der Arbeit, so wie Max Pechstein sie sah. Bunt aneinander gereiht werden fünf Arbeitssektoren und ihre Werktätigen dargestellt: der Bergbau, die Bauwirtschaft, die metallverarbeitende Industrie, die Landwirtschaft einschliesslich  Weinbau und Fischerei und schließlich der Handel. Die rechtschaffenen Werktätigen, meistens muskelprotzende Männer, widmen sich mit ernster Miene ihrer Tätigkeit; aber auch eine Frau ist dabei, die gebückt über einem Weizenfeld, ihre Arbeit verrichtet.

 

In der Mitte des Werkes schwebt eine Glocke. Der Künstler, inspiriert von Schillers Gedicht , wollte damit den Wert der Arbeit für Freiheit und  Frieden hervorheben:

           

Tausend fleißge Hände regen,

helfen sich in munterm Bund,

Und in feurigem Bewegen

Werden alle Kräfte kund.

Meister rührt sich und Geselle

In der Freiheit heilgem Schutz.

                   

Jetzo mit der Kraft des Stranges

Wiegt die Glock mir aus der Gruft,

Daß sie in das Reich des Klanges

Steige, in die Himmelsluft.

Ziehet, ziehet, hebt!

Sie bewegt sich, schwebt

Freude dieser Stadt bedeute

Friede sei ihr erst Geläute.

 

Das Werk Max Pechsteins wurde nach seiner Übergabe  in dem damals gerade fertiggestellten Gebäude des Internationalen Arbeitsamtes an der Rue de Lausanne (am Ufer des Genfer Sees) in Form von fünf Einzelfenstern eingebaut, die, durchflutet von der Nachmittagssonne,  das obere Geschoss eines Seitenflügels das alten Gebäudes schmückten, in dem sich verschiedene Sitzungssäle und Besprechungsräume befanden .

 

Damit könnte diese kleine Geschichte des sog. deutschen Glasfensters  enden – sie geht aber noch weiter.

 

Anfang 1933 erklärte das Deutsche Reich seinen Austritt aus dem Völkerbund und der Internationalen Arbeitsorganisation. Das Glasfenster blieb aber der Organisation erhalten. Während des 2. Weltkriegs fand das Internationale Arbeitsamt Zuflucht in Montreal und kehrte erst 1946 nach Genf zurück. Das deutsche Fenster hatte die Wirren des Krieges heil  überstanden und wartete  auf den Wiedereintritt Deutschlands in die Organisation. 1951 war es  soweit : Die Bundesrepublik Deutschland wurde durch einen Beschluss der Internationalen Arbeitskonferenz mit Zweidrittel Mehrheit  als Mitglied der IAO aufgenommen und einige Jahre später – 1954 – zu einem der zehn wichtigsten Industriestaaten der Organisation bestimmt. Deutsche Delegierte – Regierungs- Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertreter - kamen danach regelmäßig zu den Sitzungen des Verwaltungsrates und erfreuten sich am Anblick des deutschen Fensters.

 

Zu Beginn der 70-er Jahre wurde mit einem Neubau für das Internationalen Arbeitsamt begonnen. Der alte Bau platzte aus allen Nähten und die steigende Zahl der Mitgliedstaaten und Aufgaben, aber auch  der Mitarbeiter aus aller Welt sowie die inzwischen angehäuften Berge von Dokumenten verlangten nach mehr Büros sowie nach neuen, größeren Räumen und Sitzungssälen. Ein moderner Bau wurde geplant, der hoch auf einem Hügel über Genf stehen und das IAO-Sekretariat beherbergen sollte. Der 11-stöckige Bau schritt zügig voran und wurde 1974 beendet und sogleich bezogen.

 

Beim Umzug wurde auch für die vielen inwischen angesammelten Geschenke  Platz im neuen Gebäude gesucht. Bereits während der Errichtung des Neubaus stellte sich u.a. auch die Frage, was mit dem deutschen Fenster geschehen solle. Im Haushalt des Bundesministeriums für Arbeit und Sozialordnung (jetzt: Bundesministerium für Arbeit und Soziales) für 1973 war ein Betrag von DM 100.000 für ein Geschenk der Bundesregierung an die Internationale Arbeitsorganisation vorgesehen, das für den Neubau bestimmt war. An die Finanzierung eines Umzug des deutschen Fensters dachte man damals allerdings noch nicht; eher stellte man sich unter einem Geschenk etwas praktisches vor. Eine vom Amt vorgeschlagene sog „hängende Verglasung“ der Eingangshalle des Gebäudes wurde allerding vom Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung wegen der damit  verbundenen hohen Kosten abgelehnt.

 

Dann besuchte im Juni 1973 der damalige Parlamentarische Staatssekretär Helmut Rohde die Internationale Arbeitskonferenz; bei dieser Gelegenheit übergab er dem amtierenden Generaldirektor Wilfred Jenks einen Scheck über DM 100.000.- für die Ausstattung der Bibliothek des Neubaus. Jenks bedankte sich erfreut, meinte jedoch, daß das Glasfenster von Max Pechstein - auch ein Geschenk Deutschlands - ebenfalls seinen Platz in der neuen Bibliothek finden sollte.

 

Auch die  dreigliedrige Delegation der Bundesrepublik Deutschland im Verwaltungsrat – Dr. Winfrid Haase, Leiter der Abteilung „Internationale Sozialpolitik“ im Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung, Dr.Ernst Gerhard Erdmann, Mitglied des Bundesvorstands der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), und Gerd Muhr, Stellv. Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) - sprach sich  einmütig für den Transfer des deutschen Fensters in den Neubau aus. Der Grund war  einfach und politisch wichtig: Es handelte sich um ein Geschenk einer demokratischen deutschen Regierung an die Internationale Arbeitsorgenisation, und dieses Geschenk sollte deshalb der IAO erhalten bleiben.

 

In einem Dankesbrief vom 6. Juli 1973 an den damaligen Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung Walter Arendt, bedankte sich Jenks erneut für den Beitrag der Bundesregierung für den Neubau;  weiter hiess es im Brief  „Dieser Beitrag wird für die Innenausstattung des Lesesaales der Bibliothek sowie für den Transfer und Einbau des  deutschen Pechstein-Fensters aus dem gegenwärtigen Bau in unsere neue Zentrale des Internationalen Arbeitsamtes verwendet werden.“

 

Die Kosten dieses Umzugs sollten also nach den Vorstellungen von Jenks aus den DM 100.000.- bestritten werden die von der Bundesregierung (Scheck von Parl.Sts Rohde an Jenks)  dem Amt bereits zur Verfügung gestellt worden waren. Damit würde allerdings (trotz des damaligen günstigen Wechselkurs DM zum Schweizer Franken) ziemlich wenig für die Ausstattung der Bibliothek übrigbleiben.  Dr. Haase kontaktierte deshalb das Auswärtige Amt, das seinerseits die Deutsche Stiftung „Preußischer Kulturbesitz“ anschrieb. Diese erklärte sich bereit, einen Betrag von DM 41.000.- für den Umbau des Pechstein-Fensters zur Verfügung zu stellen. So konnte Dr. Haase in einem Brief vom 21. März 1974 an das Internationale Arbeitsamt  melden: „Aufgrund meiner Bemühungen wird das Auswärtige Amt der Bundesrepublik Deutschland  Haushaltsmittel für den Umbau des Glasfenster von Max Pechstein in das neue Gebäude bereitstellen.“ Dies geschah dann auch aufgrund einer  (zweckgebundenen) Zuwendung von DM 41.000.-, die dem Internationalen Arbeitsamt am 27.Juni 1974 von der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik Deutschland in Genf  zur Verfügung gestellt wurde.

 

Ende Oktober 1974 wurde der Aus- und Einbau des Glasfensters von Max Pechstein in das neue Gebäude des Internationalen Arbeitsamtes beendet. Kurz darauf wurde das Gebäude in einer schlichten Zeremonie vom damaligen Vorstand des Verwaltungsrates offiziell eröffnet. In dem alten Gebäude,  in das später die Welthandelsorganisation (WTO) einzog, wurde die durch den Ausbau des Pechstein-Fensters hinterlassene Lücke durch ein einfaches Fensterglas ersetzt.

 Das deutsche Fenster erhielt seinen neuen Platz im Untergeschoss des neuen Gebäudes,  gegenüber der Bibliothek und neben einem Sitzungssaal, zwar nicht als Fenster, wie früher im alten Gebäude, sondern eher als Ausstellungsobjekt. Die fünf Panele wurden zusammengefügt und mit einem von innen erleuchteten Stahlgehäuse umkleidet, so dass man das nunmehr 7,38 m breite und 4,24 m hohe Gesamtkunstwerk sehr schön betrachten und bewundern kann. Eine kleine Plakette neben dem Fenster erinnert an das Werk, seinen Schöpfer und an die Bemühungen der Bundesrepublik Deutschland, das Kunstwerk für die IAO zu erhalten.

Genf, 18. März 2008

Valentin Klotz